
Ein Text über Grenzverletzungen und den Wunsch nach Konsens
«Best of» Grenzüberschreitung
Platz 3
«Hallo, können wir SMS austauschen?»
«Ich liebe schöne Gedanken».
Nein, Markus.
Ich will keine schönen Gedanken mit dir austauschen.
Ich bin Sexologin, nicht Sexarbeiterin.
Ähnliches Wort, andere Dienstleistung.
Platz 2:
«Hallo, ich habe Probleme mit sex fantasien.»
«Koenen Sie mir helfen.»
«Und wuerden Sie kurzen minirock anziehen? Gruss Milan».
Nein, Milan.
Das würde ich nicht für dich tun.
Ich könnte dir helfen, deine sexuellen Fantasien zu verstehen.
Wahrscheinlich sogar, sie zu verändern.
Aber ich vermute, daran bist du gar nicht interessiert.
Du willst nicht verstehen.
Du willst spielen. Mit mir. Vielleicht ist das eigentlich deine Fantasie.
Ich hoffe, dass du dich über die ungefragte Einladung von Malik, mit G-String an seiner Party zu tanzen, gefreut hast.
Platz 1:
Feierabend. Coop Oerlikon.
Ich müde und reizüberflutet.
Zwei fast erwachsene Männer, eine wichtige Mission: «Hilf uns, gegen Genitalverstümmelung von Frauen und Mädchen zu kämpfen!»
Ja. Natürlich.
Nur nicht jetzt und nicht hier. Nicht in diesem Moment.
Ich sage: «Ich möchte mich gerade nicht mit euch unterhalten».
Sie: Keine Reaktion. Sie sprechen weiter.
Ich denke mir, dass ich als Sexologin vermutlich besser informiert bin.
Ich wiederhole: «Das Thema ist mir wichtig und ich will gerade wirklich nicht mit euch sprechen. Bitte lasst mich in Ruhe!»
Sie: Keine Reaktion. Sie sprechen weiter.
Sie drängen. Sie kommen näher.
Sie überhören mein Nein. Meine Grenze.
Bis ich wütend schreie:
«Dass genau dieses Verhalten – dieses übergriffige, selbstgerechte Verhalten – der Ursprung des Problems ist.»
Männer, die ein Nein nicht akzeptieren können.
Sie schauen mich entsetzt und verständnislos an.
Bonus
«Hallo, du würdest nicht eventuell per Foto einen Blick auf meinen Penis werfen?»
Nein, Michael. Das würde ich nicht für dich tun.
Ich lese, dass du verunsichert bist.
Verstehe ich. Vielfalt ist normal. Ich sage:
«Geh doch zu einer ausgebildeten Fachperson.
Dann hast du Sicherheit.»
Das willst du nicht.
Ja, ich könnte dir helfen, deinen Penis so zu mögen, wie er ist.
Eine richtig gute Beziehung aufzubauen.
Aber ich denke, darum ist es dir nie gegangen.
Die Zahlen sprechen für sich
Ich bin keine Statistik.
Aber ich bin Teil davon.
Das sagt vielleicht schon alles.
Ich erinnere mich, wie er mich packt. Und ohne Kondom in mich eindringt. Obwohl das Kondom meine Bedingung ist. Mühsam schiebe ich ihn von mir weg. Schäme mich.
Ich erinnere mich.
Wie er mir das Messer an die Pulsader legt.
Weil ich es wage, ihm zu widersprechen.
Wie er es geniesst.
Dass er mir körperlich überlegen ist.
Jede zweite Frau hat seit ihrem 16. Lebensjahr sexualisierte Gewalt erlebt.
Jede. Zweite. Frau.
Jede zweite Frau in deinem Leben.
Deine Schwester. Deine Freundin. Deine Tochter.
Mehr als 80 % der Täter sind männlich. Mehr als 80 % der Betroffenen sprechen nicht über das Erlebte.
Die meisten Taten geschehen nicht irgendwo mit Unbekannten. Sondern im nächsten Umfeld.
In der Familie. Am Arbeitsplatz.
Der unsicherste Ort für eine Frau? Die Beziehung zu ihrem Mann.
In der Schweiz wird alle zwei bis drei Wochen eine Frau getötet.
Weil sie sich trennen wollte. Weil sie sich abgrenzte.
Nicht irgendwo. Sondern hier.
In Wohnzimmern, Küchen, Schlafzimmern.
Mein Innenleben
An manchen Tagen bin ich müde.
An anderen bin ich wütend.
Und manchmal nutze ich meine Stimme.
Das darf so sein.
A: Ich bin müde. Ich bin «es» müde. Ich resigniere.
Mag nicht mehr aufstehen, einstehen, aufklären, diskutieren.
Verständnis aufbringen, geduldig sein. Vertrauensvorschuss leisten.
Vermitteln. Beschwichtigen.
An der Hand nehmen.
Zuhören.
B: Ich bin wütend.
Unberechenbar wütend.
Meine Haut eine einzig glühende, versengende Fläche.
Ich will Rache. Gerechtigkeit. Ausgleich.
Möchte zerstören. Zerschlagen. Zerreissen.
Konfrontieren.
Möchte, dass sie sich schämen.
Sich auseinandersetzen.
Sich weiterbilden.
Sich kümmern.
Wenigstens das.
C: Heute schreibe ich.
Ich sage etwas.
Zeige mich.
Breche das Schweigen.
Nutze meine Stimme in der Welt.
Auch für die, die es gerade nicht können.
Trage bei, dass die Scham die Seite wechselt. *
Der Wunsch
Isabell Gerstenberger fragt; was Männer ohne Frauen machen würden.
Nichts. Sie würden weitermachen wie bisher.
Isabell fragt, was Frauen ohne Männer machen würden.
Nachts in Ruhe draussen spazieren.
Ich wünsche mir, dass Männer verstehen, dass sie das auch betrifft.
Dass er sagt, ich liebe dich. Und es zeigt.
Indem er sich für ihre Lebensrealität interessiert.
Sich hinsetzt und zuhört.
Sich hineinversetzt.
Sie ernst nimmt.
Sich vorstellt, wie es ist. Was es mit ihr macht.
Und dann aufsteht. Hinsteht. Sich einsetzt.
Für ein bisschen Respekt.
Für einen wertschätzenden Umgang.
Auf Augenhöhe.
Ich male mir aus, wie es wäre, wenn Nein ein vollständiger Satz wäre. Nein.
Wenn Nein ein Geschenk wäre.
Das jemandem die Möglichkeit gibt,
deine Grenze zu wahren.
Zu deiner Unversehrtheit beizutragen.
Zu deinem Wohlergehen beizutragen.
Nein ist ein vollständiger Satz.
Nein.
Das wünsche ich mir.
Räume, zum Forschen.
Was es für Konsens braucht.
Verletzlichkeit? Ehrlichkeit? Fürsorge?
Achtung? Für mich und für dich?
Ich wünsche mir,
dass daraus wahre Nähe und Verbundenheit entstehen.
Räume, die Verletzungen heilen.
Tränen, die endlich fliessen dürfen.
Scham, die endlich gehen darf.
Vertrauen, das wieder wachsen darf.
Das wünsche ich mir.
Menschen, die sich fürsorglich um sich selbst und umeinander sorgen.
Eine Revolution der Sorgearbeit.
Was manchmal hilft
Reden. Der verständnisvolle Blick. Stilles Verständnis. Zusammen Sein.
Berührung. So wie ich es mag.
Körper an Körper.
Kaffee.
Mit Hafermilch.
Ein Ritual. Etwas Halt.
Schreiben. Sätze, die bezeugen.
Die mir zeigen, ich bin da.
Wut. Die mich auf eine Grenze aufmerksam macht.
Die mir meine Werte zeigt.
Eine Orientierung gibt.
Schritte.
Durch den Wald.
Und manchmal hilft die Erinnerung:
Ich bin nicht allein.
Wir sind viele.
Wir sind nicht still.
Einladung
Ich glaube, dass wir keinen guten Umgang mit Grenzen haben.
Und ich glaube, dass man Konsens lernen kann.
Als Haltung.
Als Sprache.
Als Körperwissen.
Darum öffne ich Räume zum gemeinsamen Forschen.
Zuhören. Fragen. Antworten.
Zögern.
Still sein.
Einander glauben.
Ausprobieren. Verwerfen. Behalten.
Grenzen benennen und achten.
Ich öffne Räume, in welchen Ja nicht aus Angst gesagt wird und Nein kein Drama ist.
Wo es nicht um Schuld und Pflicht geht.
Wo Konsens mehr bedeutet als Ja und Nein.
Ich lade dich ein: Wenn du bereit bist, zu spüren, dann komm.
Manchmal frage ich mich,
ob mein Beitrag wichtig ist.
Ob ich etwas bewegen kann.
Dann höre ich:
«Du vermittelst Konsens in einer Klarheit,
wie ich es noch nie erlebt habe».
Oder: «Ich date gerade.
Ich kann bestätigen, dass es noch viel zu tun gibt».
(M)ein kleiner Beitrag für eine konsensuellere Welt.
Quellen
*Die Scham muss die Seite wechseln: Gisèle Pelicot. Sie wurde über Jahre hinweg mehrfach vergewaltigt. Unter anderem von ihrem Mann. Mit ihrem Zitat macht sie deutlich, wer sich für diese Tat schämen muss.
Isabell Gerstenberger: Gedankenexperiment einer Influencerin Sie fragt ihre Follower, was sie machen würden, wenn es 24h keine Männer/Frauen geben würde.
Zahlen und Fakten:
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